3. Dranginkontinenz oder „überaktive Blase“ – reine Nervensache

Autorin: Reinhild Greulich

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Arbeitet seit 20 Jahren als Urotherapeutin in Beckenbodenzentren.

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Inhaltsangabe

Zunächst eine Bemerkung vorweg:

Sie werden im Folgenden keine detaillierten Erklärungen über Ursachen und wissenschaftliche Details einer Dranginkontinenz lesen.

Mir geht es vielmehr um die Art von Informationen, aus denen Sie einen praktischen Nutzen ziehen können.

Wer daran interessiert ist, sich näher mit dem Thema zu befassen, der findet zum Beispiel unter folgender Adresse eine allgemeine Definition https://www.amboss.com/de/wissen/dranginkontinenz/

Im Falle einer Dranginkontinenz sind die Nerven in der Blase in der Regel überempfindlich.

In manchen Fällen ist auch das normalerweise fein abgestimmte „Leitungssystem“ zwischen dem Bereich des Gehirns, welches für die Steuerung der Blase verantwortlich ist und den Nerven, die Blase und Blasenverschluss versorgen, gestört.

In der Praxis äußert sich diese Störung so, dass die Blase dem Gehirn schon bei einer geringen Füllmenge meldet, dass sie dringend entleert werden möchte.

Schafft man es dann nicht schnell genug zur Toilette, kann es passieren, dass sich die Blase durch so etwas wie einen Krampf reflexartig entleert.

Das geschieht fast immer unabhängig von irgendwelchen körperlichen Aktivitäten, sogar während des Sitzens oder Liegens.

„Trockene“ oder „nasse“ Dranginkontinenz?

Wenn das passiert, spürt man in dem Moment der Entleerung einen starken, befehlsartigen Harndrang und es geht nicht nur tröpfchenweise Urin ab, sondern
größere Mengen, in vielen Fällen entleert sich die Blase dann komplett.

Diese schwere Form der Inkontinenz, kann unterschiedliche Ursachen haben.

In der Fachsprache nennt man sie „OAB wet“, was wörtlich übersetzt „überaktive Blase nass“ bedeutet.

Die gute Nachricht an dieser Stelle ist, dass die schwere Form der Dranginkontinenz nur einen kleinen Prozentsatz aller an Inkontinenz leidenden Menschen betrifft.

Im Gegensatz zu der „OAB wet“, die, wie es der Name sagt, mit häufigem Urinverlust verbunden ist, gibt es auch eine sogenannte „OAB dry“, also eine trockene Form einer überaktiven Blase.

Hierbei erleben die Betroffenen ebenfalls einen sehr häufigen, oftmals starken Harndrang, verlieren aber dabei keinen Urin, sondern erreichen die Toilette noch rechtzeitig.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass diese Form der Dranginkontinenz nicht selten in Verbindung mit einer Blasen- oder Darmsenkung auftritt.

Aber auch ein zu häufiges Entleeren der Blase über lange Zeit kann letztendlich dazu führen, dass die Blase irgendwann tatsächlich „nervenkrank“; wird.

Wie kann man feststellen, ob eine Dranginkontinenz vorliegt?

Erste Hinweise lassen sich schon aus den Antworten auf einige gezielte Fragen ableiten:

  1. Wie häufig müssen Sie im Durchschnitt zur Toilette?
    Frauen mit einer „echten“ Dranginkontinenz können nur selten länger als 1,5 bis 2 Stunden zwischen 2 Toilettengängen abwarten.
    Und das sowohl tagsüber als auch nachts!

  2. Erleben Sie häufiger einen starken, überfallartigen Harndrang, der sich nur schwer oder gar nicht verschieben oder unterdrücken lässt?
    Im Falle einer Dranginkontinenz wird diese Frage immer mit „ja“ beantwortet.

  3. Können Sie keine größeren Mengen mehr in der Blase speichern?
    Bei einer Dranginkontinenz beträgt die maximale Speichermöglichkeit der Blase selten mehr als 150 ml.

Ein einfacher Selbsttest

Um genauere Informationen über den Zustand Ihrer Blase zu bekommen, empfehle ich, sich mal die Mühe zu machen, ein Blasentagebuch, auch Miktionsprotokoll genannt, zu führen.

Hierbei machen Sie sich Notizen über Zeitpunkt und Entleerungsmenge bei Ihren Toilettengängen und notieren parallel dazu auch Ihre Trinkmengen.

Eine genauere Beschreibung und auch einen Vordruck für ein solches Blasentagebuch finden Sie in dem Blogbeitrag „Ist das normal? – ein einfacher Test zum Einschätzen der eigenen Blase“.

Gar nicht so selten: eine unerkannte Blasenentzündung

Eine wichtige Frage, die bei einer Dranginkontinenz geklärt werden sollte, ist, ob sich nicht vielleicht eine größere Menge an Bakterien in Ihrer Blase befindet.

Um das herauszufinden, gibt es entsprechende Schnelltests.

Diese können Sie in der Hausarztpraxis durchführen lassen oder sich selbst einen entsprechenden Schnelltest in der Apotheke oder im Drogeriemarkt besorgen.

Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Frauen, besonders nach den Wechseljahren unter einer chronischen Blasenentzündung leiden, ohne es zu wissen.

Weitere Untersuchungsmöglichkeiten durch einen Facharzt/eine Fachärztin

Stellen Sie sich mit Ihren Beschwerden bei einem Facharzt / einer Fachärztin vor, so wird diese/r vermutlich eine sogenannte Urodynamische Messung veranlassen.

Hierbei handelt es sich um eine Untersuchung, bei der die Druckverhältnisse in Ihrer Blase genau gemessen werden.

Wie diese Untersuchung abläuft, beschreibe ich in dem entsprechenden Blogbeitrag.

Auch die Frage, ob sich die Blase vollständig entleeren lässt, kann durch eine einfache Ultraschalluntersuchung geklärt werden.

Bleibt nämlich ständig zu viel Rest-Urin in der Blase zurück, treten ähnliche Symptome auf wie bei einer Dranginkontinenz.

Diese Form der Inkontinenz wird dann „Überlaufinkontinenz“ genannt.

So viel an dieser Stelle zu den diagnostischen Möglichkeiten.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei einer Dranginkontinenz?

Behandelt wird die „echte“; Dranginkontinenz zuerst mal mit Medikamenten, die die Nervenaktionen in der Blase dämpfen.

Da diese Medikamente vom Arzt verschrieben werden müssen, ist eine Selbstbehandlung nicht möglich (und auch nicht empfehlenswert).

Haben Sie bereits ein solches Medikament verschrieben bekommen und sind mit der Wirkung nicht zufrieden, möchte ich Ihnen im Folgenden gerne noch einige Empfehlungen geben.

Erfahrungsgemäß ist nämlich allein von der Einnahme eines Medikamentes keine dauerhafte Heilung zu erwarten.

Die Blase ist, wie Sie sicherlich aus eigener Erfahrung bestätigen können, ein höchst sensibles Organ.

Jeder hat schon einmal erlebt, wie sich psychischer Stress auf die Blase auswirken kann.

Aber nicht nur gewisse seelische Zustände wie Aufregung oder Angst haben Einfluss auf die Blase.

Damit es der gerade der weiblichen Blase wirklich gut geht, sind stattdessen auch noch andere Faktoren zu berücksichtigen.

Möchten Sie Ihre Dranginkontinenz dauerhaft in den Griff bekommen, sollten Sie keinen der folgenden Punkte außer Acht lassen:

1. Ausreichende Trinkmengen

Trinken wir zu wenig, so ist der Urin ständig stark konzentriert und die Blasenschleimhaut dadurch einem chemischen Dauerstress ausgesetzt.

Verdünnen Sie stattdessen Ihren Urin, indem Sie mindestens 1,5 bis 2 Liter pro Tag trinken.

Übrigens: auch das, was wir trinken (oder essen) hat Wirkung auf die Blase.

Kohlensäurehaltige Getränke oder Koffein zum Beispiel können zu verstärktem Harndrang führen.

Ideal sind daher stilles Wasser, Kräutertees oder ähnliches.

2. Eine gute Versorgung der Blase, der Harnröhre und des Scheidengewebes mit weiblichem Hormon

Fehlt das notwendige weibliche Hormon, zum Beispiel nach Eintritt der Wechseljahre oder nach einer Entfernung der Eierstöcke, so kommt es zu einer Mangelversorgung des Gewebes im Bereich von Scheide und Blase.

Die Elastizität und die Durchblutung nehmen ab, die Haut wird dünner, trocken und gereizt.

Mit einem (ärztlich verordneten) Hormonpräparat kann und sollte man dem Gewebe zurückgeben, was ihm fehlt, indem man 2-mal wöchentlich ein entsprechendes Präparat in Form von Salbe oder Zäpfchen in die Scheide einführt.

Die Wirkung auf die Blase ist enorm und wird Sie überraschen.

Mehr dazu in dem entsprechenden Blog-Beitrag

3. Gezielte Behandlung einer möglichen (chronischen) Blasenentzündung und vorbeugende Maßnahmen, um ein Wiederauftreten zu verhindern

Weil dieses Problem so viele Frauen betrifft, habe ich ihm einen eigenen Blogbeitrag gewidmet.

Hier finden Sie Tipps, die sich in vielen Jahren der Praxis bewährt haben.

4. Nicht passiv bleiben, sondern sich auf den Weg machen, die Kontrolle über die Blase zurückzuerobern durch bewusstes Blasentraining

Wer zum Beispiel schon regelmäßig ein Medikament einnimmt, das den übermäßigen Harndrang dämpft, sollte durch ein bewusstes Trainieren im besten Falle nach einiger Zeit wieder ohne Medikamente auskommen.

Bleibt man dagegen passiv und verlässt sich nur auf die Wirkung des Medikaments, so bleibt man womöglich dauerhaft auf medikamentöse Hilfe angewiesen.

Mehr zum Thema „Blasentraining“ in dem entsprechenden Blogbeitrag.

5. Beckenbodentraining

Eine kräftige und trainierte Beckenbodenmuskulatur macht es erst möglich, den Urin bewusst einzuhalten und dadurch die Blase nach und nach wieder daran zu gewöhnen, größere Urinmengen zu halten.

Speziell geschulte PhysiotherapeutInnen unterstützen Sie im Kampf gegen die Dranginkontinenz, indem sie einen individuellen Trainingsplan mit Ihnen entwickeln.

Wie und wo Sie eine spezialisierte Physiotherapeutin finden, dazu mehr in dem Blogbeitrag über Beckenbodentraining.

6. Nervenstimulation

Eine weitere unterstützende Maßnahme zur Behandlung der Dranginkontinenz ist die sogenannte Elektrostimulationstherapie.

Hierbei handelt es sich um ein kleines Gerät, welches mit Hilfe von Klebeelektroden oder einer kleinen Sonde, die in die Scheide eingeführt wird, Stromimpulse abgibt.

Je nach Art der Stromimpulse wird dadurch die geschwächte Beckenbodenmuskulatur gestärkt oder die hemmende Wirkung bestimmter Stromformen auf die Blasenaktivität genutzt.

Voraussetzung für diese Therapie ist die Bereitschaft, bzw. die Möglichkeit, täglich eine Zeit von 15 bis 20 Minuten in das Training mit dem Gerät zu investieren.

Die Geräte können von Ihrer Frauenärztin / Ihrem Frauenarzt verordnet werden und stehen Ihnen dann für zunächst 3 Monate zur Verfügung.

Eine Verlängerung der Mietdauer ist in der Regel kein Problem.

7. Botoxinjektion in die Blasenwand

Vielleicht haben Sie schon mal davon gehört, dass man Botox in die Blase spritzen kann.

Dieses ist ein starkes Nervengift, welches die Nerven sozusagen lähmt.

Wenn alle anderen Therapien nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben, ist diese Option
tatsächlich sehr hilfreich.

Hierbei handelt es sich um einen Eingriff, der unter Narkose erfolgt.

Durch die Harnröhre wird dabei ein optisches Instrument in die Blase eingeführt und dort wird das Medikament dann gleichmäßig verteilt in die Blasenwand eingespritzt.

Die volle Wirkung setzt dann in der Regel nach einigen Tagen ein.

Solange das Medikament wirkt, werden der Harndrang deutlich vermindert und die Dehnbarkeit der Blase verbessert.

Allerdings sollte man wissen, dass die Wirkung typischerweise nach 9 bis 12 Monaten wieder vollständig abklingt. Dann ist das Medikament abgebaut und die Prozedur
kann wiederholt werden.

Fühlt sich an wie Dranginkontinenz, ist es aber nicht

Was aber, wenn Sie zwar ähnliche Symptome erleben, diese aber eine ganz andere Ursache haben als kranke Nerven in der Blase?

Wie lässt sich das herausfinden?

Hier komme ich zurück zu meiner Behauptung, dass sich durch gezielte Fragen grundlegende Unterscheidungen erkennen lassen.

Zum Beispiel die Frage, wie häufig Sie Ihre Blase während der Nacht weckt.

Schlafen Sie vielleicht sogar meistens durch, ohne nachts die Blase entleeren zu müssen?

Dann können Sie sicher sein, dass Sie NICHT unter einer Dranginkontinenz leiden, auch wenn ein zu häufiger Harndrang Ihnen tagsüber das Leben schwer macht.

Die Blase wohnt schließlich im Dunkeln des Unterbauchs und kann nicht unterscheiden, ob es Tag oder Nacht ist.

Wer eine Dranginkontinenz und damit eine nur sehr kleine Speichermöglichkeit für den Urin in der Blase hat, hat sie sowohl am Tag als auch in der Nacht.

Das ist doch logisch, oder?

Der während des Tages nervende häufige Harndrang muss also eine andere Ursache haben.

Dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

Ein Fall aus der Praxis

An dieser Stelle möchte ich noch von einem Fall aus der Praxis berichten, bei dem ebenfalls eine Frage gestellt wurde, deren Antwort auf die Spur der wahren Ursache des quälenden Harndrangs führte.

Eine Dame älteren Jahrgangs kam in die Sprechstunde und wollte gerne einen Termin für eine erneute Botoxbehandlung vereinbaren.

Sie litt seit Jahren unter einer vermeintlichen Dranginkontinenz, beklagte zudem häufige Blasenentzündungen und hatte bereits eine Botoxbehandlung vor einiger Zeit durchführen lassen.

Diese hatte kurzzeitig zu einer Besserung geführt.

Im Laufe des Gesprächs fragte ich sie, ob es denn auch mal Zeiten gegeben habe, in denen sie beschwerdefrei war.

Und die gab es tatsächlich!

Was Zweifel aufkommen ließ in Bezug auf die Diagnose „Dranginkontinenz“.

Denn die macht keine Pausen.

Wir beschlossen daraufhin gemeinsam, zunächst mal einige Empfehlungen umzusetzen, die ihre häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen zuverlässig
bekämpften.

Eine dieser Empfehlungen war zum Beispiel die regelmäßige Anwendung einer hormonhaltigen Scheidencreme.

Sollte ihre Harndrangproblematik nach 3 Monaten nicht verschwunden sein, könne man immer noch die Botoxbehandlung machen.

Nach einigen Wochen bekam ich von der Dame einen Brief, in dem sie überglücklich davon berichtete, dass sie nun alle Beschwerden los sei und sie endlich wieder ihre geliebten Bergwanderungen planen könne.

Warum habe ich dieses Beispiel gewählt?

Zeigt es doch, dass auch eine durch häufige Entzündungen gequälte Blase ähnliche Symptome machen kann, wie eine Dranginkontinenz.

In den beschwerdefreien Zeiten war die Blase offenbar nicht entzündet gewesen.

Kurzes Fazit

Ich denke, dass fast jede Frau, die unter einer Blasenschwäche leidet, auch das Problem eines vermehrten Harndrangs kennt.

Die Tipps und Hinweise in diesem Text werden daher für alle Betroffenen einen gewissen Nutzen bieten.

Allerdings möchte ich noch einmal wiederholen, dass die „echte“ Dranginkontinenz nur etwa 10 % der an Blasenschwäche leidenden Frauen betrifft.

Viel häufiger ist dagegen die sogenannte Belastungsinkontinenz.

Lesen Sie also gerne weiter, wenn Sie sich in diesem Abschnitt nicht ganz wiedergefunden haben.

Ein Foto von Reinhild Greulich, erfahrene Urotherapeutin

Guten Tag,

ich bin Reinhild Greulich, eine erfahrene Urotherapeutin mit 20 Jahren Fachkompetenz in verschiedenen Beckenbodenzentren.
Ich verstehe die Beschwerden aus der Praxis und weiß um den Wert einer fundierten Beratung für die Lebensqualität betroffener Frauen.

Auf meiner Webseite biete ich Hilfe zur Selbsthilfe und einfache Selbsttests, um Frauen zu ermächtigen, ihre Blasenfunktion selbstbewusst und selbstbestimmt zu verbessern.

Ich freue mich über Ihr Feedback:

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